Geschlecht und Gewalt - Ein Überblick/Einführungsartikel

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Repräsentative Daten von 2008 ergeben, dass ungefähr jede vierte Frau in Deutschland im Laufe ihres Erwachsenenlebens körperliche und/oder sexuelle Gewalt in Ehe oder Partnerschaft erlebt. Werden Gewalterfahrungen außerhalb der Partnerschaft mit einbezogen, beträgt der Anteil betroffener Frauen, die seit dem 16. Lebensjahr körperliche Gewalt (z. B. Ohrfeigen, Tritte, Faustschläge oder Waffengewalt) erlebt haben, 37 Prozent. Dabei gaben ungefähr ein Drittel der betroffenen Frauen an, mittlere bis schwere Formen von körperlichen Gewalt erlebt zu haben (z. B. lebensgefährliche Verletzungen oder wiederholte Gewaltsituationen). Unter (strafrechtlich relevanten) sexuellen Übergriffen (z. B. Vergewaltigung, versuchte Vergewaltigung oder sexuelle Nötigung) hatten 13 Prozent (etwa jede siebte Frau) der Befragten (ab 16 Jahre) bereits gelitten. Bezieht man weitere Formen sexualisierter Gewalt mit ein (z. B. schwere sexuelle Belästigung) steigt der Anteil der Betroffenen sexueller Gewalt auf 58 Prozent. 42 Prozent der befragten Frauen waren im Erwachsenenalter bereits psychischer Gewalt ausgesetzt (z. B. Drohungen, Demütigung oder aggressives Anschreien).

Lange Zeit wurden von Gewalt betroffene Männer in Studien wenig berücksichtigt,[1] aussagekräftige Daten existieren derzeit noch nicht. Dennoch legen Studienergebnisse nahe, dass Frauen und Männer Opfer von Gewalt werden und Männer unterschiedlicher Kontexte und Altersklassen von Gewalt betroffen sind.[2] So scheinen Männer ungefähr genauso oft wie Frauen, zuweilen sogar öfter, Opfer von Gewalt zu werden.[3] Jugendliche und junge Männer sind dabei nicht nur eine Risikogruppe bezüglich des Ausübens von Gewalttaten, sondern werden auch besonders häufig zu Gewaltopfern. Gewaltkontexte sind dann häufig öffentliche Räume wie die Schule, die Ausbildungsstätte, der Wehrdienst oder auch Freizeiteinrichtungen und Sportvereine. Auch unter Gleichaltrigen kommt es gehäuft zu Gewaltäußerungen.


Menschen mit Behinderung sind aufgrund einer erhöhten Abhängigkeit oftmals einem besonderem Risiko ausgesetzt Opfer von Gewalt zu werden. Dabei ergibt sich ein ähnlicher Geschlechterunterschied wie in der Gesamtbevölkerung: Während vor allem Frauen Opfer sexualisierter Gewalt werden, sind Männer öfter von körperlicher Gewalt betroffen. Allerdings ist der Anteil derer, die von Gewalt betroffen sind, maßgeblich höher als in der Gesamtbevölkerung. Beispielsweise ergibt sich in einer Studie, dass 43 Prozent der Männer in der Gesamtbevölkerung körperlicher Gewalt ausgesetzt sind, bei Männern mit Behinderung sind es 71 Prozent.[4] Zudem sind Frauen mit Behinderung im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung zwei- bis dreimal so häufig von sexueller Gewalt betroffen. Ein besonderes Risiko stellen dabei Einrichtungen, Schulen und Internate dar.[5] Menschen mit Behinderung sind deutlich häufiger psychischer Gewalt ausgesetzt als Menschen ohne Behinderungen, wobei Frauen häufiger betroffen sind als Männer. Auch wird über ein Viertel der Frauen mit Behinderung Opfer multipler und wiederholter Gewalt, während der Anteil betroffener Männer hier bei unter 10 Prozent liegt. Angaben zu Täter und Täterinnen sind in dieser Bevölkerungsgruppe ähnlich wie in der Gesamtbevölkerung: Beeinträchtigte Frauen geben an, häufiger von Personen (Männern oder Frauen) aus dem sozialen Umfeld misshandelt zu werden (oft Angehörige oder der Partner/die Partnerin), beeinträchtigte Männer scheinen dagegen eher Gewalt im öffentlichen Raum ausgesetzt zu sein. Die Studienlage bestätigt, dass Behinderungen als Risikofaktor für Gewalterlebnisse gewertet werden kann und damit ein erhöhtes Risiko für weitere Behinderungen besteht.[6]


Studien belegen einen Zusammenhang zwischen Gewalterfahrungen und körperlichen und/oder psychischen Gesundheitsproblemen mit erheblichen Einbußen in der Lebensqualität.[7] [8] Besonders Gewalt in der Kindheit sowie wiederholte Gewalterlebnisse können den Gesundheitszustand negativ beeinflussen.[9] Über 75 Prozent der Opfer köperlicher Gewalt und 60 Prozent der Opfer psychischer Gewalt gaben in einer Studie an, dass ihr Wohlergehen durch die Gewalterfahrung(en) stark oder sehr stark beeinträchtigt wurde.[10] Dabei lässt sich zwischen kurz-, mittel- und langfristigen Gesundheitsfolgen unterscheiden. Kurzfristige bzw. unmittelbare Folgen umfassen unter anderem akute Verletzungen oder auch direkte psychosoziale Folgeprobleme wie Gefühle von Angst und Bedrohung, erhöhter Alkohol- oder Medikamentenkonsum sowie allgemein negativer Stress. Die extremste Form direkter Gewaltfolgen sind Verletzungen mit Todesfolge. Orientierend an den angezeigten Straftaten sind hier Männer häufiger betroffen als Frauen. Ausnahme bildet dabei die Tötung im Zusammenhang mit Sexualdelikten, bei denen Frauen deutlich häufiger Todesopfer werden.[11] Als mittel- und langfristige Folgen lassen sich körperliche und psychische Symptomatiken identifizieren, die häufig chronischen werden und zeitlich verzögert auftreten können.[12] [13] Frauen scheinen dabei häufiger mit Depressionen, Posttraumatischer Belastungsstörung oder Angsterkrankungen zu reagieren, während Männer öfter nach außen gerichtete Verhaltensweisen (z. B. Suchtmittelmissbrauch) zeigen. Außerdem erleiden Frauen häufiger schwere Verletzungen und sind öfter von Behinderungen infolge von Gewalt betroffen. Um gesundheitliche Langzeitfolgen durch Gewalterfahrungen verhindern zu können, gilt es, Opfer von Gewalt im medizinischen Setting frühzeitig zu erkennen und eine sensible Versorgung zu gewährleisten.[14]


Festgehalten werden kann, dass bei beiden Geschlechtern ein erheblicher Anteil in Kindheit und/oder im Erwachsenenalter von Gewalt betroffen ist. Dabei werden Männer besonders in Kindheit und Jugend sowie im jungen Erwachsenenalter Opfer von körperlicher Gewalt, während Frauen zusätzlich im mittleren Alter besonders häufig von körperlicher und/oder sexueller Gewalt betroffen sind. Geschlechterunterschiede äußern sich vor allem darin, dass Frauen deutlich häufiger schwere Formen von Gewalt in der Partnerschaft sowie sexuelle Gewalt erleben, während Männer öfter körperlicher Gewalt im öffentlichen Raum ausgesetzt sind. Bezüglich psychischer Gewalt scheinen keine Geschlechterunterschiede in der Häufigkeit vorzuliegen: Beide Geschlechter scheinen in hohem Maß betroffen zu sein.[15]

Literatur[Bearbeiten]

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  1. Hornberg, C., Schröttle, M., Khelaifat, N., Pauli, A., & Bohne, S. (2008). Themenheft 42" Gesundheitliche Folgen von Gewalt" Unter besonderer Berücksichtigung von häuslicher Gewalt gegen Frauen.
  2. Jungnitz L, Lenz HJ, Puchert R et al. (Hrsg) (2007) Gewalt gegen Männer. Personale Gewaltwiderfahrnisse von Männern in Deutschland. Verlag Barbara Budrich, Opladen
  3. Kury H, Dörmann, U, Richter H et al. (1996) Opfererfahrung und Meinungen zur inneren Sicherheit in Deutschland. Ein empirischer Vergleich von Viktimisierungen, Anzeigeverhalten und Sicherheitseinschätzung in Ost- und West vor der Vereinigung. Bundeskriminalamt, Wiesbaden.
  4. Schröttle, M., & Hornberg, C. (2013). Lebenssituation und Belastungen von Frauen mit Behinderungen und Beeinträchtigungen in Deutschland. Ergebnisse der quantitativen Befragung. Endbericht. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.). Berlin: BMFSFJ.
  5. Schröttle, M., Hornberg, C., Neder, N., Mecke, D., Elli, O., & Vogt, K. (2014). Gewalterfahrungen von in Einrichtungen lebenden Frauen mit Behinderungen-Ausmaß, Risikofaktoren, Prävention. Interdisziplinäres Zentrum für Frauen- und Geschlechterforschung (IFF) der Universität Bielefeld im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.
  6. Schröttle, M., & Hornberg, C. (2013). Lebenssituation und Belastungen von Frauen mit Behinderungen und Beeinträchtigungen in Deutschland. Ergebnisse der quantitativen Befragung. Endbericht. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.). Berlin: BMFSFJ.
  7. Arias I (2004) The legacy of child maltreatment: long-term health consequences for women. Journal of Women’s Health 13 (5): 468–473
  8. Campbell J (2002) Health consequences of intimate partner violence. Lancet 359(9314): 1331–1336
  9. Campbell J, Jones AS, Dienemann J et al. (2002). Intimate partner violence and physical health consequences. Archives of Internal Medicine 162 (10): 1157–1163
  10. Schlack, Robert, et al. "Körperliche und psychische Gewalterfahrungen in der deutschen Erwachsenenbevölkerung." Bundesgesundheitsblatt-Gesundheitsforschung-Gesundheitsschutz 56.5-6 (2013): 755-764.
  11. Statistisches Bundesamt (2014). Opfer von Straftaten (Anzahl). Gliederungsmerkmale: Jahre, Deutschland, Altergruppen, Geschlecht, Tatabschluss, Straftaten(gruppen). Ad-hoc-Tabelle.
  12. Martinez M, Schröttle M, Condon S et al. (2006) State of European research on the prevalence of interpersonal violence and its impact on health and human rights. CAHRV – Report 2006. Coordination Action on Human Rights Violations funded through the European Commission, 6th Framework Programme, Project No. 506348 www.cahrv.uni-osnabrueck.de
  13. Martinez M, Schröttle M, Condon S et al. (2007) Perspectives and standards for good practice in data collection on interpersonal violence at European Level. CAHRV – Report 2007. Co-ordination Action on Human Rights Violations funded through the European Commission, 6th Framework Programme, Project No. 506348. Veröff. ab Dezember 2007 www.cahrv.uni-osnabrueck.de/reddot/190.htm
  14. Rüweler M, Ernst C, Wattenberg I, Hornberg C (2016). Geschlechterunterschiede bei Gewalterfahrungen und -auswirkungen. In P. Kolip & K. Hurrelmann (Eds.), Programmbereich Gesundheit. Handbuch Geschlecht und Gesundheit. Männer und Frauen im Vergleich (2nd ed.). Bern: Hogrefe.
  15. Hornberg, C., Schröttle, M., Khelaifat, N., Pauli, A., & Bohne, S. (2008). Themenheft 42" Gesundheitliche Folgen von Gewalt" Unter besonderer Berücksichtigung von häuslicher Gewalt gegen Frauen.
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Zwanghaftes Bedürfnis bzw. unwiderstehlicher Drang nach einem bestimmten Stimulus (Reiz), z. B. einer chemischen Substanz (Droge).